Der Weg des Wolfes
An meinem ersten Schultag hatte ich eine Halsentzündung und beschwor meine Eltern mich trotzdem mit Kleidchen und Schultüte zu diesem vielversprechenden Ereignis gehen zu lassen. Eine Woche später hatte ich bereits hohes Fieber und kurz darauf eine lebensbedrohliche Nierenentzündung.
Ich wurde in die Haunersche Kinderklinik eingewiesen, die damals restlos überfüllt war, und mir deshalb auf der Isolierstation ein mit dicken schwarzen Plastikplanen abgetrenntes Abteil zuwies. Ich fühlte mich wie lebendig begraben.
Meine Mutter kam einmal am Tag zu Besuch und bei ihrem Abschied weinte ich stets bitterliche Tränen. Doch Abends, wenn es ganz ruhig war, teilte sich der schwarze Vorhang und ein großer Wolf schlüpfte hindurch. Er war kein Freund. Ich hatte großen Respekt vor ihm und meinte sein Gewicht schwer auf mir zu spüren, wenn er sich für die Nacht auf meine Bettdecke legte. Er passte auf mich auf und vertrieb die Monster der Nacht.
Auch als ich acht Wochen später wieder nach Hause durfte, vier Monate danach wieder in die Schule, kam er jeden Abend zu mir und wachte über meine Nacht. Erst als ich ins Gymnasium kam war er nicht mehr da.
Die Rückkehr des Wolfes
Diese Weihnachten war ich etwas irritiert als mir eine Freundin die Plastikfigur eines Wolfes schenkte. Luma meinte, sie hätte den gesehen und hätte das Gefühl gehabt, der müsse zur Sabine. Luma ist ein „Hundemensch“ ich dagegen ein „Katzenmensch“… Miss Tiger halt. Ich stellte die kleine Figur eher achtlos in mein Regal.
Am Tag nach meinem Geburtstag steht der Besuch im Brustzentrum an. Luma fährt mich und meine Tochter hin. Die Ärztin scheint warmherzig und sympathisch zu sein. Sie erklärt mir, dass man nicht einfach so von Krebs sprechen könne. Es sei ganz wichtig zu wissen welcher Art der Tumor sei, denn es gibt da viele verschiedene Arten. Und je nachdem erfolgt die Behandlung und sind die Erfolgsaussichten.
Zur Bestimmung müsse sie jetzt eine „Stanzbiopsie“ machen, bei der Gewebeproben des Tumors entnommen werden. Ich erhalte eine Lokalanästhesie. Dann lokalisiert die Ärztin den Tumor per Ultraschallgerät mit der einen Hand und hält mit der anderen eine Art medizinische Pistole an meine Brust. Dann erfolgt ein Knall und ich spüre einen Druck, aber ohne Schmerzen. Das ganze noch zweimal.
Auf dem Tischchen steht ein Kunstoffröhrchen in dem in einer Flüssigkeit drei ca. 2cm lange dünne „Würmchen“ schwimmen. Sind das die Proben? Ja – und da sie zu Boden sinken ist das schon mal ein Indiz dafür, dass es sich wirklich um Krebsgewebe handelt. Denn das gesunde Brustgewebe sei sehr fetthaltig und wäre an der Oberfläche geschwommen.
Nun sei sehr wichtig zu klären, ob bei mir noch andere Organe bereits befallen seien, Lunge, Leber, Skelett oder Gehirn, denn dann wäre die Behandlung nurmehr palliativ… die Dame vom Unterstützungsmanagement würde sich um zeitnahe Termine kümmern.
Mir wird schwarz vor Augen, konzentriere mich auf meinen Atem. Ist Ihnen nicht gut? Brauchen Sie Hilfe? Ich schüttel den Kopf. Sie sei nicht so gut in der Vermittlung solcher Dinge, aber es gäbe da ein Psychoonkologisches Angebot. Ich nehme Infomaterial entgegen.
Dann müsse noch Blut zur Feststellung einiger Werte abgenommen werden. Ich soll gegenüber zur Krankenschwester gehen. Ich nicke und geh hinaus.
Ich sitze noch in dem kleinen Raum und presse Mull auf die Einstichstelle, da kommt die Ärztin nochmal zu mir, schaut mir in die Augen… umarmt mich… Es täte ihr so leid!
Ich schlucke und starre auf ihr Namensschild: Frau Dr. WOLF !!!
Später zeigt mir meine Tochter ein Buch, das sie für mich aus einem Büchertauschregal ausgesucht hatte: „Die Wolfsfrau“
Ich habe verstanden! Es besteht kein Zweifel mehr. Ich brauch auch keine Alternativ-Diagnosen. Ich werde mich auf den Weg des Wolfes begeben… müssen.

