Konfrontation mit dem eigenen Tod
Die Tage nach der niederschmetternden Diagnose aggressiver Brustkrebs triple negativ mit fünf befallenen Lymphknoten, sind die psychisch fordernsten und belastensten meines Lebens. Aus dem Nichts heraus werde ich mit meinem möglichen Tod konfrontiert.
Da ich seit einiger Zeit manchmal Wortfindungsstörungen habe, und sich meine Kinder schon das ein oder andere Mal darüber lustig gemacht hatten, ist für mich nun klar, dass das wohl mit der Krebserkrankung in Zusammenhang liegt. Sind da bereits Metastasen im Gehirn? Könnte ich noch einen Gehirntumor haben!???
Um meine Familie nicht zusätzlich noch damit zu belasten, behalte ich meine Befürchtungen für mich und spiele die Zuversichtliche. Im Hintergrund tobt es jedoch in mir.
Meine Mutter war im zu frühen Alter von 55 Jahren am Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Und nicht einfach gestorben. Sie hatte zahlreiche fürchterliche Therapien, Operationen, Schmerzzustände ertragen müssen, und war in meinen Augen in unwürdigen sterilen Bedingungen verreckt.
Das wollte ich auf keinen Fall! Das hatte ich mir seither geschworen. Erinnerungen und Bilder meiner leidenden Mutter tauchen nun besonders nachts in mir auf, und ich breche immer wieder in schier haltloses Schluchzen aus.
Falls ich also noch irgendwo Metastasen hätte und damit als unheilbar gelten würde…
Ich beschließe meinen selbstbestimmten, freiwilligen Tod.
Keine Angst vor dem Tod
Während ich mit meiner Familie in den Tenor der Hoffnung und Zuversicht einstimme, bereite ich mich parallel dazu innerlich auf mein Ableben vor. Ein sehr seltsamer Zustand.
Doch mit der Zeit kehrt eine unglaublich tiefe Ruhe in mir ein. Eine Art weiches bodenloses dunkles Indigoblau, das mich umfängt. Ich habe keine Angst vor dem Tod! Ich glaube sogar fest an die Wiedergeburt. Es ist wie eine tröstliche Ahnung von wirklichem Zuhause-Sein, von transzendenter Geborgenheit.
Was habe ich nicht Alles in meinem Leben erlebt! So viele spannende Abenteuer, Herausforderungen gemeistert, wertvolle Höhen und Tiefen durchlebt, die mich haben wachsen lassen… brauch ich da noch mehr??? Zwei wunderbare Kinder in die Welt gesetzt… da kommen mir die Tränen! Es tut mir sooooooo leid für sie!
Vielleicht buche ich einen Oneway-Flug nach Afrika oder Asien!? Erlebe noch herrliche Abenteuer in der wundervollen Natur, mit wilden Tieren… solange es geht. Solange es der Krebs und mein Körper erlauben. Vielleicht könnte mich meine Familie dabei auch ein Stück begleiten. Und dann ein Gift… eine Klippe… Befreiung!?
Vielleicht würde mir dabei auch ein Heiliger, eine Schamanin oder Priesterin begegnen und mich unterstützen oder, so es denn sein soll, auf unkonventionelle Art heilen…
Ich träume mir solch unterschiedliche Szenarien. In einer Art Dauerzustand. Bedenke dabei auch, dass sie für meine Kinder möglichst wenig belastend sein sollten…
Dann kommt der Tag in der Radiologie.
Alex und unsere Tochter begleiten mich. Die Nadel für das Kontrastmittel in meiner rechten Hand schmerzt. Dann werde ich zur Magnetresonanztomographie, kurz MRT, in die Röhre gefahren. Ich schließe die Augen und muss fast über die seltsamen Töne und Geräusche lachen, die die Apparatur da von sich gibt.
Eng beeinander sitzen wir im Wartezimmer, die Hände ineinander gekrallt, eine gefühlte Ewigkeit des Wartens auf das Gottesurteil über mich.
Dann erscheint eine Ärztin und frägt nach mir. Ich torkle ihr hinterher. Also… sie hat nichts Auffälliges in meinem Schädel entdecken können. Mein Gehirn sei ohne Befund!
Ich breche in Tränen aus. Sie schaut mich irritiert an, ist Alles ok? und eilt zum nächsten Termin. Alex und meine Tochter fangen mich auf; ihnen ist die Erleichterung anzusehen. Wir liegen uns in den Armen und schluchzen die Anspannung hinaus. Das erste Tor aus der Hölle ist überwunden. Ein zarter Lichtschein erscheint am Horizont.

