Nach meiner ersten EC-Chemotherapie: Schlimmer geht immer

Nach meiner ersten EC-Chemotherapie: Schlimmer geht immer

Manchmal fragt man sich ja, wie viel in eine einzige Woche eigentlich hineinpasst. Die Antwort lautet offenbar: eine ganze Menge. Los ging’s am Montag mit der ersten Gabe meiner neuen Chemotherapie: Epirubicin und Cyclophosphamid, kurz EC.

Klingt fast wie eine neue Bank oder ein Stromanbieter. Ist aber leider deutlich unangenehmer.

Schon kurz nach der Infusion wurde mir schwindelig. Mir war übel, ich hatte Druck hinter den Augen, einen metallisch-seltsamen Geschmack im Mund und bei jedem Schlucken das Gefühl, gleich würgen zu müssen.

„Okay“, dachte ich. „Neue Chemo. Wird schon dazugehören.“

Zwei Tage später war ich mir da nicht mehr so sicher.

Plötzlich wechselten sich Hitzewallungen und Schüttelfrost ab, der Brustkorb fühlte sich an, als würde jemand einen Spanngurt darum festziehen, und das Atmen fiel schwer. Irgendwann kam zur Atemnot noch Panik dazu – eine Kombination, die ich niemandem empfehlen kann.

Also ab ins Klinikum.

Zum Glück konnten Herzinfarkt und Lungenembolie schnell ausgeschlossen werden. Das war schon einmal die erste gute Nachricht.

Die zweite kam drei Tage später. Oder besser gesagt: Sie war gleichzeitig gut und ziemlich beschissen.

Die Ursache meiner Beschwerden war gefunden. Nicht die EC-Chemotherapie.

Sondern meine Immuntherapie mit Pembrolizumab.

Sie hatte meine Schilddrüse irreversibel zerstört.

Meine Schilddrüse ist zerstört

Ich stelle mir das mittlerweile ungefähr so vor wie ein abgebranntes Haus, dessen Fassade zwar noch steht, innen aber niemand mehr wohnt.

Das Verrückte daran: In meinen Blutwerten hatte sich das wohl schon seit ein bis zwei Monaten angekündigt. Nur hatte niemand genauer hingeschaut.

Zum Glück gibt es für dieses Problem eine Lösung: künstliches Schilddrüsenhormon.

Einmal täglich. Für den Rest meines Lebens.

Man sammelt ja unterwegs so einiges.

Falls ihr euch fragt, warum diese kleine Schilddrüse überhaupt so wichtig ist: Sie sieht zwar unscheinbar aus – ungefähr schmetterlingsförmig am Hals –, steuert aber gefühlt den halben Körper. Stoffwechsel, Herzschlag, Energie, Körpertemperatur, Wachstum … kurz gesagt: die kleine Diva hat mehr Einfluss, als man ihr zutrauen würde.

Am Freitag durfte ich nach Hause.

Vorher gab’s allerdings noch die sogenannte Aufbauspritze, die mein Knochenmark dazu animieren sollte, möglichst viele weiße Blutkörperchen zu produzieren.

„Aufbauspritze“ klingt ein bisschen wie Wellness. Ist es aber nicht.

Das Ding hat mich komplett umgehauen.

Das ganze Wochenende bestand mein Trainingsplan aus Liegen. Ab und zu mal zur Toilette. Danach wieder aufs Sofa.

Am Montag sollte eigentlich schon die 13. Immuntherapie stattfinden. Stattdessen wurde ich wieder stationär aufgenommen. Zu schwach. Kreislauf im Keller. Immer wieder wurde mir schwarz vor Augen.

Mein Zimmer teilte ich mit einer Frau, die entweder erbrechen musste oder vor Schmerzen stöhnte. Beides in beeindruckender Ausdauer.

Für mich gab es zunächst… nichts zu essen. Nicht etwa wegen einer Untersuchung. Sondern weil schlicht noch nichts für mich bestellt worden war.

Immerhin bekam ich Natrium- und Vitamininfusionen. Man kann schließlich nicht verhungern, solange etwas durch den Tropf läuft.

Da ansonsten ohnehin niemand so recht wusste, was man mit mir anfangen sollte, ließ ich mich am nächsten Tag wieder entlassen.

Kurze Ruhepause

Draußen schien die Sonne. Ich ließ mich in meinen Gartenstuhl sinken, schloss die Augen und dachte:

Jetzt. Jetzt könnte es vielleicht langsam wieder bergauf gehen.

Das Universum hatte offenbar andere Pläne.

Noch am selben Abend fühlte sich mein Hals komisch an.

„Mist“, dachte ich. „Da hast du dir im Krankenhaus bestimmt noch irgendeinen Virus eingesammelt.“

Fast richtig.

Am Mittwoch war der gesamte Rachen wund, die ersten Blasen hatten sich gebildet und Schlucken wurde zur echten Herausforderung.

Keine Infektion. Sondern eine der beliebtesten Nebenwirkungen der EC-Chemotherapie.

Ab sofort standen also Kartoffelbrei, Suppen, Joghurt und alles, was nicht gekaut werden muss, ganz oben auf dem Speiseplan.

Nach der ersten EC-Chemotherapie

Schlimmer geht immer

Seit meiner Entlassung stieg außerdem meine Körpertemperatur kontinuierlich an.

38 Grad ist die Grenze, ab der ich mich sofort melden soll.

Als das Thermometer schließlich 38,4 °C zeigte und ich mich zunehmend krank fühlte, rief ich in der Klinik an.

„Bitte sofort kommen.“

Das Blutbild erklärte dann ziemlich schnell, warum ich mich fühlte wie ein leerer Akku.

Meine weißen Blutkörperchen waren praktisch verschwunden. Vor allem die Neutrophilen hatten sich offenbar kollektiv verabschiedet.

Die EC-Chemotherapie hatte mein Knochenmark komplett ausgebremst.

Und nun in Umkehrisolation

Also ging es direkt in die Umkehrisolation. Plötzlich mussten alle, die mein Zimmer betraten, Schutzkittel, Handschuhe und Maske tragen. Und ich durfte nicht hinaus. Ich fühlte mich zeitweise weniger wie eine Patientin als vielmehr wie ein seltenes Ausstellungsstück im Hochsicherheitsbereich.

Umkehrisolation nach der ersten EC-Chemotherapie

Es folgten Röntgenaufnahmen der Lunge, Blutkulturen und Antibiotika.

Und sehr viel Warten.

Das Schöne an meinem Einzelzimmer? Ich konnte morgens den Sonnenaufgang sehen. Und ganz am Horizont sogar ein winziges Stück Berge.

Manchmal reichen erstaunlich kleine Dinge, um einen schlechten Tag ein bisschen besser zu machen.

Nach zwei Tagen waren meine Werte noch immer kaum gestiegen. Die Ärztin sprach zum ersten Mal das Wort Bluttransfusion aus.

Ich gebe zu: Das hat mir Respekt eingeflößt. In dieser Nacht träumte ich wirres Zeug. Eine wilde Mischung aus diversen Science Fiction Filmen à la Matrix.

Am nächsten Morgen war ich mir nicht mehr sicher, ob ich geschlafen oder ein alternatives Universum besucht hatte.

Zum Glück kam die Wende.

Ganz langsam begann mein Knochenmark doch noch, seine Arbeit wieder aufzunehmen.

Die Bluttransfusion war plötzlich kein Thema mehr. Offenbar musste mein Immunsystem erst ordentlich erschreckt werden.

Schließlich durfte ich nach Hause.

Mit Maske.

Mit Desinfektionsmittel.

Mit Abstand.

Irgendwie fühlte sich das an wie eine Zeitreise zurück ins Jahr 2020. Nur dass ich diesmal nicht andere vor meinen Keimen schützen musste. Sondern mich vor ihren.

Und wenn ich aus diesen zwei Wochen eines gelernt habe, dann vielleicht das:

Manchmal hat man das Gefühl, jetzt müsse doch wirklich der Tiefpunkt erreicht sein.

Und dann kommt das Leben um die Ecke und sagt:

„Warte … ich hätte da noch was.“

Aber es sagt irgendwann eben auch:

„Jetzt darfst du wieder nach Hause.“

Und genau daran halte ich mich fest.

Ich und das schlimme Wort mit K

21.

  1. Neujahr und der Geier

Thema HEILUNG

über MICH

LEBENSKUNST

REISELUST

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Consent Management Platform von Real Cookie Banner