Kleine Therapie-Pause an der Ostsee

Kleine Therapie-Pause an der Ostsee

Als uns die Oberärztin im Februar das Ergebnis der Tumorkonferenz und damit meinen Therapieplan erklärte, waren wir zu viert im Raum. Und wir alle verstanden das Gleiche:

Zuerst zwölf Chemotherapien in Kombination mit einer Immuntherapie.

Dann die Operation mit anschließender Untersuchung des entfernten Gewebes aus Brust und Lymphknoten.

Danach Bestrahlung.

Und falls notwendig, noch eine weitere Chemotherapie.

So hatte ich es abgespeichert.

Behandlungsplan der Oberärztin

Je näher nun das Ende der ersten Chemotherapie rückte, desto öfter schlich sich ein Gedanke ein:

Eine kleine Pause hätte ich mir jetzt wirklich verdient.

Nur eine Woche.

Einmal durchatmen.

Einmal nicht an Blutwerte, Infusionen oder Nebenwirkungen denken.

Da meine Haut während der Therapie nicht in die Sonne soll, schieden südliche Länder ohnehin aus. Außerdem wollte ich nicht irgendwo stranden, falls doch etwas sein sollte. Die Anreise sollte unkompliziert sein, medizinische Versorgung in der Nähe und – ganz wichtig – ich wollte mich im Ernstfall verständigen können.

Nach einigem Suchen stand mein Ziel fest:

Die Ostsee.

Ich fand eine kleine Ferienwohnung in Ribnitz-Damgarten. Zehn Minuten zu Fuß vom Bahnhof entfernt, an dem sogar der ICE hält. Restaurants, Supermarkt, Krankenhaus um die Ecke.

Perfekt.

Als ich meiner Tochter in Hamburg davon erzählte, war sie sofort begeistert.

„Ich komme mit.“ Allein dieser Satz fühlte sich schon ein bisschen nach Urlaub an.

Eine Woche Pause mit meiner Tochter

Dann kam die Überraschung

Bei der nächsten Chemotherapie fragte ich die Ärztin ganz nebenbei, wann ungefähr denn die Operation geplant sei.

Sie schaute mich etwas verwundert an. „Daran denken wir im Moment noch gar nicht.“

Ich verstand überhaupt nichts. „Wieso? Die Chemotherapie ist doch nächste Woche fertig.“

„Nein“, sagte sie. „Danach kommt noch EC.“

Ich glaube, in diesem Moment habe ich sie einfach nur angestarrt.

Noch eine Chemotherapie?

Uns hatte niemand erklärt, dass die Behandlung mit Epirubicin und Cyclophosphamid (EC) gar keine zusätzliche Therapie ist, sondern ganz selbstverständlich zum gesamten Chemotherapiekonzept dazugehört.

Weitere drei Monate. Keine Pause. Keine Operation.

Einfach weiter.

Zuhause begann ich zu googeln. Keine besonders gute Idee. Je mehr ich über EC und die möglichen Nebenwirkungen las, desto schlechter wurde mir.

Ich hatte mich innerlich bereits auf die Zielgerade eingestellt. Stattdessen stand plötzlich noch einmal ein ganzer Berg vor mir.

Ich fragte nach, ob zwischen den beiden Chemotherapien wenigstens ein wenig Abstand liegen würde.

Die Antwort war kurz. „Nein.“

Also keine Pause? Kein Urlaub?

Also auch kein Urlaub?

Als ich von meiner gebuchten Ostsee-Woche erzählte, war die Reaktion eher zurückhaltend.

Eine Unterbrechung der Therapie sehe man nicht gern. Es bestehe das Risiko, dass sich verbliebene Krebszellen in dieser Zeit wieder erholen und weiterwachsen könnten.

Puh…

Eine Woche später, Anfang Juni, warte ich in der onkologischen Tagesklinik wieder auf meine tagesaktuellen Blutwerte und die letzte Chemotherapie mit Paclitaxel und Carboplatin. Das Ergebnis lässt die Ärztin die Stirn runzeln: meine Leukozytenwerte seien so schlecht – da können wir heute keine Chemo geben. Wird um eine Woche verschoben!

Eine Woche darauf dasselbe Spiel! Daraufhin erhielt ich noch eine „Aufbauspritze“ zur Mobilisierung der Bildung weißer Blutkörperchen im Rückenmark, und sollte in drei Tagen wiederkommen. Und zum Glück hat die Spritze gewirkt:

JUHUUUU! Mal was Erfreuliches!

Am 15. Juni war es geschafft.

Der erste Chemotherapieblock war beendet.

Und nur drei Tage später folgte die nächste wunderbare Nachricht. Im Ultraschall zeigte sich, dass der Tumor in meiner Brust um rund zwei Drittel geschrumpft war. Auch die Metastasen in den Lymphknoten hatten sich deutlich verkleinert!

Was für eine Erleichterung.

Was für eine Freude.

Man darf auch einmal an sich denken

Eigentlich hätte ich jetzt glücklich sein müssen.

War ich auch.

Aber gleichzeitig lag der bevorstehende EC-Block wie ein riesiger Felsbrocken auf meinen Schultern.

Ich merkte, dass mein Körper müde war.

Vor allem aber meine Seele.

Und plötzlich wurde mir klar: Ich brauche diese eine Woche.

Nicht, weil mein Körper ohne sie nicht weitermachen könnte. Sondern weil ich ohne sie nicht weitermachen wollte.

Also stand ich an der Anmeldung zur Terminvergabe. Die Mitarbeiterin schob mir meinen nächsten Termin hin. Ich schaute auf den Zettel. Dann schob ich ihn wieder zurück. „Da kann ich leider nicht.“

Sie sah mich überrascht an.

„Da bin ich im Urlaub.“

„Bitte geben Sie mir einen Termin eine Woche später.“

Sie blickte mich kurz an, zuckte mit den Schultern und druckte einen neuen Termin aus.

So einfach kann Selbstbestimmung manchmal aussehen.

Pause, die beste Entscheidung

Pause, die beste Entscheidung

Diese Woche an der Ostsee war rückblickend eine der besten Entscheidungen meiner ganzen Therapie. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte ich mich wieder wie ein ganz normaler Mensch. Ich zog meine Perücke an, machte mich hübsch und ging einfach los.

Nicht als Patientin.

Nicht als Krebskranke.

Sondern einfach als ich.

Meine Tochter und ich alberten herum, lachten unglaublich viel und genossen diese Leichtigkeit, die ich fast vergessen hatte.

Ich saß stundenlang am Strand und schaute aufs Meer.

Nicht aufs Handy.

Nicht auf Blutwerte.

Nicht auf Arztbriefe.

Einfach aufs Wasser.

Diese unendliche Weite tat etwas mit mir.

Sie machte den Kopf wieder frei.

Ich war sogar ein paar Mal kurz in der Ostsee schwimmen.

Richtig losschwimmen ging wegen meines Ports zwar nicht, aber das kalte Wasser auf der Haut fühlte sich trotzdem nach Leben an.

Nach Freiheit.

Nach Normalität.

Als wir wieder nach Hause fuhren, wusste ich: Jetzt bin ich bereit.

Bereit für den nächsten Chemotherapieblock. Bereit für alles, was noch kommt.

Manchmal braucht es eben gar keinen großen Urlaub.

Manchmal reicht eine Woche am Meer, um sich selbst wiederzufinden.

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