Chemo, Haarverlust und Perücke – in zwei Stunden zur Blondine oder Rothaarigen

Chemo, Haarverlust und Perücke – in zwei Stunden zur Blondine oder Rothaarigen

Wenn Menschen an Chemotherapie denken, fällt ihnen meist als Erstes die Glatze ein. Nicht die Übelkeit. Nicht die Erschöpfung. Nicht die Angst. Nein – die Haare. Die Glatze ist gewissermaßen das Markenzeichen der Krankheit. Ein sichtbarer Stempel, der einem von außen aufgedrückt wird. Wobei man sie meistens gar nicht sieht, denn sie verschwindet unter einer bunten Chemo-Mütze oder einem Kopftuch. Die Botschaft bleibt trotzdem dieselbe: „Da stimmt doch etwas nicht.“

Manche Menschen meinen es gut und sagen dann Sätze wie:
„Ach, Haare wachsen doch wieder nach.“
Oder:
„Das wäre für mich jetzt nicht das Schlimmste.“

Ich lächle dann höflich.

Denn natürlich wachsen Haare wieder nach. Irgendwann. Aber in dem Moment verliert man nicht einfach nur Haare. Man verliert ein Stück von dem Menschen, den man jeden Morgen im Spiegel erwartet. Und das tut weh – viel mehr, als Außenstehende oft ahnen.

Sabine Koschier vor ihrer Krebserkrankung

Meine langen weißblonden Haare waren über viele Jahre mein Erkennungszeichen. Es gab tatsächlich Menschen, die mich von weitem an meinen Haaren erkannt haben.

Kurz vor meiner ersten Chemotherapie nahm ich die Schere selbst in die Hand. Es war ein Akt der Selbstbestimmung. Wenn ich meine Haare verlieren würde, dann wollte ich wenigstens selbst entscheiden, wann und wie.

Am Ende blieben nur noch fünf bis zehn Zentimeter. Kurz. Praktisch. Und irgendwie auch trotzig.

Nachdem ich mir meine Haare selbst abgeschnitten hatte

Der erste Haarverlust durch die Chemo

In den ersten Wochen der Therapie verteilten sich diese letzten Haare nach und nach in der ganzen Wohnung. Ich konnte irgendwann nicht mehr sagen, wer in unserer Wohnung gerade mehr Fell verlor – meine Katze im Wechsel vom Winter- zum Sommerfell oder ich.

Es war vermutlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ganz selbstbewusst zu meiner Glatze zu stehen.

Haarverlust durch die Chemotherapie

Die Realität war allerdings deutlich weniger heldenhaft.

Nicht die Blicke anderer Menschen machten mir zu schaffen. Sondern die Kälte. Mein Kopf fror ständig.

Wer noch nie Haare verloren hat, kann sich kaum vorstellen, wie warm Haare eigentlich sind. Plötzlich zog jeder kleine Luftzug direkt bis ins Gehirn. Selbst nachts schlief ich mit meiner Chemo-Mütze. Rutschte sie im Schlaf herunter, wurde ich wach, weil mein Kopf augenblicklich beschloss zu frieren.

Die Glatze – das Markenzeichen einer Krebserkrankung

Glatze durch Chemotherapie

In der onkologischen Tagesklinik wunderte ich mich immer wieder über einige Mitpatientinnen.

„Interessant“, dachte ich. „Die haben ihre Chemotherapie offenbar besser im Griff als ich. Die haben ja noch alle Haare!“

Bis ich irgendwann begriff: Die trugen längst Perücken.

Man erklärte mir außerdem, dass KrebspatientInnen eine Perücke auf Rezept bekommen können und die Krankenkasse einen Teil der Kosten übernimmt.

Hm …

Brauchte ich jetzt etwa auch eine?

Eigentlich war ich unschlüssig.

Andererseits wollte ich irgendwann wieder verreisen. Und während meiner Kunstausstellung würde ich viele Tage selbst in der Galerie verbringen.

Vielleicht wäre eine Perücke manchmal einfach angenehm.

Perücke auf Rezept

Als ich meinen beiden Kindern davon erzählte, waren sie sofort begeistert. Beide wollten unbedingt mitkommen und mich bei der Auswahl beraten. Also vereinbarten wir gemeinsam einen Termin in einem Perückenstudio.

Die Besitzerin nimmt sich für jede Kundin zwei Stunden Zeit. Nach diesen zwei Stunden wusste ich auch warum.

Wir hatten einen Riesenspaß.

Offenbar wünschen sich etwa neunzig Prozent aller KundInnen möglichst genau die Frisur zurück, die sie vor der Erkrankung hatten. Gleiche Farbe. Gleicher Schnitt. Hauptsache niemand merkt etwas.

Ich dagegen war für jedes Experiment offen. Blau? Warum nicht. Rot? Her damit.

Vielleicht sogar Locken?

Die Besitzerin atmete hörbar auf: „Das ist gut“, sagte sie lachend. „Lange weißblonde Perücken habe ich nämlich gerade überhaupt keine.“

Also begann das große Probieren. Und ich lernte etwas völlig Neues.

Auswahl der passenden Perücke

Nicht jede Haarfarbe steht jedem Menschen. Schwarz ließ mich plötzlich zehn Jahre älter aussehen. Blau und andere kräftige Farben ließen mein Gesicht viel zu hart wirken. Sie hätten mich regelrecht „erschlagen“.

Meine Kinder hatten jedenfalls ihren Spaß und kommentierten jede neue Frisur mit großer Begeisterung. Ich glaube, sie hätten mich am liebsten mit einer pinkfarbenen Dauerwelle nach Hause geschickt.

Meine Perücke

Nach fast zwei Stunden fanden wir schließlich meine Perücke.

Sie war nur wenig teurer als der Zuschuss der Krankenkasse und fühlte sich überraschend natürlich an.

Zum Abschluss bekam ich noch eine Einweisung:

Wie setzt man eine Perücke richtig auf? Wie pflegt man sie? Und wie bewahrt man sie auf?

Es stellte sich heraus, dass Perücken deutlich mehr Aufmerksamkeit brauchen als ich gedacht hätte.

Sabine Koschier mit Perücke

Heute trage ich sie nur noch zu bestimmten Gelegenheiten.

Wenn ich mit Familie oder Freunden essen gehe, finde ich sie schön.

Im Hochsommer allerdings greife ich lieber zu meinem Strohhut mit breiter Krempe. Der spendet Schatten, schützt meine empfindliche Kopfhaut vor der Sonne – und ehrlich gesagt sieht er manchmal sogar besser aus als die Perücke.

Zusammenfassend war und ist die Perücke für mich nie eine Verkleidung. Ich will meine Krankheit nicht verstecken.

Sie gibt mir vielmehr etwas zurück, das Krebs einem so oft nimmt: Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie ich mich der Welt zeigen möchte. Und manchmal beginnt genau dieses Gefühl von Selbstbestimmung mit etwas so Alltäglichem wie einer Frisur.

Ich und das schlimme Wort mit K

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