Das Opfer meiner Haare
Morgen bekomme ich einen Port eingesetzt, in drei Tagen startet die Chemotherapie. Also ist heute der letzte Tag an dem ich halbwegs noch so bin wie ich war. Deshalb habe ich mir vorgenommen, mir heute in einem besonderen Ritual selbst die Haare abzuschneiden. Damit die Chemo sie nicht bekommt!
Die letzten Tage merke ich immer mehr, wie sich etwas in mir sträubt, sich aufbäumt.
Mein ganzes Leben habe ich mein Möglichstes getan um mich NICHT zu vergiften. Ich habe nie eine Zigarette angerührt. Obwohl ich deshalb damals in den 70er und 80er Jahren eine ziemliche Außenseiterin war. Wie nervig war es immer gewesen diese „probier doch mal!“ und „du bist aber uncool“ zu ertragen, dem Herdentrieb zu wiederstehen.
Seit 1991 meine Mutter an Krebs gestorben war, ernähre ich mich vegetarisch. Und wieder diese Überredungsversuche, diese Rechtfertigungen…
Ich habe oft auch die Gabe eines Antibiotikas abgelehnt, wenn ich das Gefühl hatte es doch mit homöopathischen und Naturheilkundlichen Mitteln auch zu schaffen.
Und schließlich hatte ich während Corona die Covid-Impfung verweigert. Allen Anfeindungen, Diskussionen und Ausschlüssen vom gesellschaftlichen Leben zum Trotz, das auch bis zum Schluss durchgehalten.
Wie kann ich die Dinge akzeptieren?
Und nun würde ich im Rahmen der Chemotherapie meinen Körper eine lange Zeit den furchtbarsten Giften aussetzen!?! Ich spüre den Kloß in meinem Hals. Tränen steigen auf. Ich betrachte meine Tochter, die sich alle Mühe gibt mich Abzulenken, mich aufzuheitern, mich zu umsorgen…
Ich werde das für meine Kinder, für meine Enkelin tun!
Ich nehme wahr was ich da denke. Und ich weiß, das ist verkehrt! Wenn ich diese ganze Prozedur auf mich nehme, und wenn diese auch erfolgreich werden soll, dann muss ich das FÜR MICH tun. Ich muss in einen Zustand der Akzeptanz kommen, das ganze Drama annehmen können. Doch das sagt sich so leicht!
Um diese neue Phase in meinem Leben akzeptieren zu können, will ich erst das Vorige abschließen.
Ich schau Fotobücher durch, Zeugnisse von so vielen wunderbaren Reisen und Abenteuern. Warme Dankbarkeit für diese tolle Zeit breitet sich in mir aus. Ich schau mir Fotos aus meiner Jugend, von bereits verstorbenen Familienangehörigen an, und bedanke mich für all die positiven wie negativen Erfahrungen, die mich zu genau der haben werden lassen, die ich heute bin.
Ich sortiere Briefe und Schriftstücke aus, schreibe Zettel mit Botschaften an mein bisheriges Leben. Dann stell ich meine Feuerschale im Garten auf, entfache darin ein Feuer und verbrenne all das. Es schneit gleichzeitig. Dicker weißer Rauch hüllt mich ein. Es ist irgendwie wie eine Reinigung und tut richtig gut.
Als die Glut erkaltet ist, fülle ich die Asche in ein Schälchen.
Das Opfer meiner Haare
Ich war als Kind blond, und habe nun seit fast 10 Jahren lange blondweiße Haare, an denen mich die Menschen sofort erkennen. Das letzte Mal, dass meine Haare geschnitten wurden war bei einem sehr ungewöhnlichen Friseur in Ulaan-Baatar, in der Mongolei. Das war 2015 !
Ich ziehe mir für meine Abschiedszeremonie ein schwarzes Kleid an, das meine Trauer repräsentiert. Lege mir auf der smaragdgrünen Bank eine rote Schere und sechs Haargummis zurecht. Gegenüber stelle ich einen Spiegel auf. Ich zünde Kerzen an. Dann schwärze ich mein Gesicht mit der Asche und blicke mir in die Augen.
Ich teile meine Haare in drei Teile und beginne aus einem davon einen Zopf zu flechten. Die beiden Enden fixiere ich mit Haargummis. Dann kommt die Schere. Es dauert eine Weile bis der ganze Zopf am Haaransatz durch ist. Von dem schnarrenden Geräusch der Schere bekomme ich Gänsehaut. Haltlos rinnen die Tränen. Dann folgt der Zopf auf der anderen Seite. Zum Schluss flechte ich einen Zopf mit den Resthaaren am Hinterkopf… Es ist vollbracht! Ich blicke in mein Spiegelbild, eine bodenlose Tiefe in mir.
In den nächsten Tagen höre ich immer wieder, wie gut mir dieser neue Haarschnitt stehen würde. Das will ich nicht hören. Das Alte ist vorbei, aber das Neue noch nicht richtig.
Ich und das schlimme Wort mit K
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