Ein ungewöhnlicher Heiratsantrag

Ein ungewöhnlicher Heiratsantrag

oder

Die Wurzeln meiner Begeisterung für die Berge

und

Eine tragischschöne Liebesgeschichte

Zwei Kriege – da fehlten fast in jeder Familie die Männer. Schon die Mutter meiner Oma, um die es hier gehen wird, musste nach dem ersten Weltkrieg allein mit zwei Kindern und einem Gasthaus klarkommen. Es lag in Wien, im 3. Bezirk in der Apostelgasse. Siemens & Halske expandierten gerade nebenan mit ihrem Schwachstromgeschäft, und bescherten dem Gasthaus viele Mittagskunden.

So wuchs meine Oma Karola sogar mit einem Dienstmädchen auf, das sich um Haushalt und Kinder kümmern musste. Und sie hat sogar noch Kaiser Franz Josef erlebt, der einst Sissi aus Bayern geheiratet hatte. Jedoch konnte sie sich nur noch an den riesigen Federbuschen erinnern, der bei einer Parade in Wien auf seinem Helm wippte.

Ein ungewöhnlicher Heiratsantrag
oder die Wurzeln meiner Begeisterung für die Berge und eine tragischschöne Liebesgeschichte
Meine Oma Karola (als Kleinkind) mit ihrer Mutter Maria (rechts neben ihr) und den Gasthaus-Angestellten

Nach dem ersten Weltkrieg litt Wien unter einer großen Hungersnot. Karola war sehr abgemagert und wurde zu einer Pflegefamilie nach Schweden geschickt. Die lebten in einem Landhaus an einem See. Dort wurde sie wieder aufgepäppelt, und lernte eine äußerst freizügige Lebensweise kennen. In ihren Erzählungen waren die Menschen dort größtenteils nackt unterwegs… unerhört für die damalige Zeit!

Vielleicht hat diese Zeit in Schweden den Freigeist in ihr geweckt. Karola wurde sehr abenteuerlustig, und liebte schöne Kleider. Sie erlernte den Schneiderberuf und das Skifahren.

Als sie sich bei einem Unfall das Bein brach, riet ihr der Arzt zur Rehabilitation etwas zu Klettern. Das würde den ganzen Bewegungsapparat wieder stärken. Karola meldete sich sogleich bei den Bergfreunden an um bei denen das Klettern zu erlernen.

Dort begegnete sie Eduard. Er war etwas älter und kannte sich schon gut im Gebirge und an den Felswänden aus. Er war Ingenieur und der Sohn einer Kaufmannsfamilie, die in Wien eines der ersten großen Kaufhäuser betrieb.

Meine Oma Karola lernte mit ihm zusammen die Berge lieben. Und das Nachtleben, in schönen selbstgenähten Kleidern. Sie liebten es tanzen zu gehen.

Eduard sprach relativ bald eine Heirat an, doch Karola wollte davon nichts wissen. Sie genoss ihre Freiheit. Konnte es sich sogar vorstellen ein Kind zu haben, jedoch ohne gebunden zu sein.

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Meine Großeltern Karola und Eduard

Die Beiden unternahmen teils haarsträubende „Felsfahrten“, kreuz und quer in den Alpen. Sie kletterten in Pluderhosen, mit einer Art Espadrilles oder den schweren Nagelschuhen an den Füßen, mit Hanfseilen, selbstgeschmiedeten Haken und Schultersicherung. Die Anfahrten bezwangen sie mit Zug, Fahrrad und langen Anmärschen.

Der ungewöhnliche Heiratsantrag

Einst stand die kleine Zinne in den Dolomiten auf ihrem Programm. Sie stiegen in den Morgenstunden von der Dreischusterhütte über das Rifugio Locatelli auf. Von dort aus hat man schon diesen atemberaubenden Blick auf die berühmte Felsformation. Als sie beim Paternsattel angelangt waren packte gerade ein Künstler seine Staffelei aus, um die Drei Zinnen zu malen.

Die Beiden machten in der Nähe eine kurze Rast, bevor sie sich an den Aufstieg wagten. Es gab damals ja noch keine Tourenbeschreibungen. Man erfuhr von Besteigungen aus dem Hörensagen. Jeder musste dann vor Ort seine eigene Aufstiegslinie finden. Teilweise konnte man sich bei beliebten Routen an zurückgelassenen, eingeschlagenen Haken orientieren.

Einige Stunden später standen Karola und Eduard glücklich am Gipfel.

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Gemälde der Drei Zinnen von Robert Zinner

Hier, in 2.856 Metern Höhe, auf dem nur wenige Meter umfassenden Gipfelbereich, kramte Eduard in seinem Rucksack, und holte eine kleine Planrolle daraus hervor. Aus dieser zauberte er eine langstielige rote Rose und einen Ring, kniete sich vor Karola hin, und hielt um ihre Hand an.

Da konnte sie nicht mehr Nein sagen!

Als sie in den Abendstunden wieder am Paternsattel vorbeikamen hatte der Künstler sein Gemälde auch gerade vollendet.

Eduard machte heimlich diesen Künstler ausfindig, und schenkte seiner Karola dieses Bild der Drei Zinnen, das während ihres bedeutsamen Abenteuers entstanden war, zur Hochzeit.

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Meine Großeltern mit ihrem Christerl, meiner Mutter

Die Beiden bekamen zwei Kinder. Doch leider währte das gemeinsame Glück nicht lange. Es brach der zweite Weltkrieg aus, und Eduard wurde eingezogen. Er wurde nach Russland geschickt und galt als verschollen. Wien wurde bombardiert, und das Bild von zwei Granatsplittern gestreift.

Meine Oma Karola nähte aus Bettwäsche, Vorhängen und Stoffresten Kleidung und tauschte sie gegen Essensmarken oder Gegenstände, wie Fahrräder oder Skier für die Kinder. Auch erhielt sie Care-Pakete von der damaligen Pflegefamilie aus Schweden. Sie wusste sich durchzuschlagen, und vergaß dabei nicht das ein oder andere Abenteuer in der Natur für sich und die Kinder zu gestalten, um bei all der Tristesse die Freude am Leben nicht zu vergessen.

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Karolas Hochzeitsgeschenk bei mir daheim

Viele Jahre wartete meine Oma auf Eduards Rückkehr, und kletterte niemals wieder. Ich kann mich noch gut erinnern als sie Jahrzehnte später die Mitteilung bekam, er sei bei Stalingrad gefallen.

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Wien-Oma wurde über 90 Jahre alt und hat sich all die Zeit nicht mehr gebunden. Das Bild der Drei Zinnen habe ich geerbt. Es hat einen besonderen Platz in meinem Häuschen und erinnert mich täglich an meine ererbte Sehnsucht nach den Bergen, und die große Liebe…

Ein ungewöhnlicher Heiratsantrag
oder die Wurzeln meiner Begeisterung für die Berge und eine tragischschöne Liebesgeschichte
Natürlich wollte ich die Drei Zinnen auch selbst einmal sehen…

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5 Replies to “Ein ungewöhnlicher Heiratsantrag”

  1. Liebe Sabine, Du bist nicht alleine. Viele Menschen umgeben Dich und Deine Kinder und die Talente von Dir, das ist großartig.

  2. Was für eine wunderschöne (auch traurige) Geschichte. Hätte mir in dieser Atmosphäre jemand einen Verlobungsring vor die Nase gehalten, hätte ich auch nicht nein gesagt:) Und was auch für eine schöne Idee, das Bild heimlich zu organsieren. Nun ist es ein tolles Familienerbstück mit einer wunderbaren Geschichte.

  3. Hallo, liebe Sabine, gerade habe ich die kleine, schöne, auch tragische Geschichte gelesen. Gerne erinnere ich mich an Deine Oma. Auch gerne erinnere ich mich an die Drei Zinnen, wo Alex und ich an einer Seite entlangwanderten und immer wieder Steinschläge in unserer Nähe einschlugen. Ja, all das gehört zu unserem Leben dazu. Mit Adrian war ich im Gasteig bei der Preisverleihung. Eine Halbe vor und eine nachher war auch mit dabei, und, Adrian begleitete mich zum Ostbahnhof. Ganz prima! Ihr habt gute Kinder, die nun erwachsen werden. Mal schauen, was ich noch alles mitkriege. Herzlich, Ludwig 9/2/2020

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