Am seidenen Faden – unfreiwillige Nacht in den Wänden der Verdon Schlucht

Am seidenen Faden – unfreiwillige Nacht in den Wänden der Verdon Schlucht

Die Gorges du Verdon ist eine einzigartige Schlucht im Süden Frankreichs. Das türkisblaue Wasser der Verdon hat sich da über Tausende von Jahren tief in den Kalkfelsen gegraben, und eine über 30 Kilometer lange fantastische Canyon-Landschaft erschaffen.

Beiderseits des Flusses ragen die Felswände bis zu 700 Meter steil in die Höhe. Ein Eldorado für Wildwasserabenteurer, sowie für Kletterer!

Doch es gibt da einen Haken: zu diesen Felswänden kommt man nur von oben.

Am seidenen Faden – unfreiwillige Nacht in den Wänden der Verdon Schlucht

Normalerweise gelangen wir an die Felswände auf einem mehr oder weniger langen Zustieg, meist ein Wanderweg. Erklettern dann vom Wandfuß aus, in Ein- oder Mehrseillängen-Routen die obere Kante der Wände, seilen von dort, wenn möglich, wieder ab, oder steigen einen Pfad auf der anderen Bergseite wieder hinunter zum Ausgangspunkt.

Hier in der Verdonschlucht beginnen die meisten Kletterrouten mitten in der Wand. Von kleinen Absätzen aus, sogenannten „jardins“/Gärtchen, oberhalb riesiger Überhänge. Dorthin gelangt man auf Abseilpisten. Von diesen luftigen Jardins gibt es keine Alternative, nur den Weg nach oben durch die senkrechte hellgraue Wand aus kompaktem Kalk.

Kletterparadies Verdon

So viele Kletterer hatten uns bereits von der außergewöhnlichen Kletterei im Verdon vorgeschwärmt, dass Alex und ich da unbedingt auch einmal klettern wollten.

Wir fuhren Freitag nach der Arbeit los, im September 1993. Es waren über 1.000 Kilometer bis zur Verdonschlucht in der französischen Provence. Nach ein paar nicht enden wollenden Kilometern Landstraße kamen wir gegen 5 Uhr Früh in La Palude sur Verdon an, bauten unser Zelt auf dem Campingplatz auf und fielen in komatösen Schlaf.

Am seidenen Faden – unfreiwillige Nacht in den Wänden der Gorges du Verdon

Es hatte zwei Tage lang geregnet, nun scheint die Sonne kühl vom Wolken-durchzogenen Himmel. Wir fahren auf der „Route de Crête“, einer Ringstraße entlang des nördlichen Schlucht-Randes, und gesellen uns unter die vielen schaulustigen Touristen, die von den Aussichtspunkten einen schwindelerregenden Blick in die Tiefen der Schlucht wagen.

Dort kleben auch einige Seilschaften von Kletterern wie Geckos an den glatten, senkrechten Wänden. Wir sehen ihnen eine Weile zu und erkunden dann die Abseilstellen. Mir wird flau im Magen. Es sieht gruselig aus. Will ich das wirklich?

Am seidenen Faden – unfreiwillige Nacht in den Wänden der Verdonschlucht

Gegen Abend entdecken wir eine kleine Wand oberhalb des Canyons, an der wir uns an ein paar kurzen Routen einklettern. Es macht Spaß.

Das Abenteuer beginnt

Sonntag, die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel. Wir beschließen: Jetzt oder nie! Wir schultern unsere neuen Doppelseile und machen uns auf zum Aussichtspunkt von La Carelle auf 1.100 Metern Höhe. Es stehen bereits wieder etliche Touristen an der Balustrade und schauen uns nun anerkennend hinterher wie wir uns zielstrebig zum Abseilpunkt der Dalles Grises wenden.

Wir trinken noch etwas und essen Schokolade, dann geht es 300 Meter abwärts.

Wir haben uns die „Pichenibule“ vorgenommen. Eine 8 Seillängen lange direkt über den Überhängen hinaufquerende Tour, die wir jedoch mit der Route Gwendal beenden wollten, um die Schlüsselstelle (7b+) zu umgehen. Ich hatte uns zur Orientierung das Topo abgezeichnet. Nun stehen wir auf dem nur wenige Quadratmeter großen Absatz des Eichhörnchengartens (Jardin des Ècureuils) wie in einem Adlernest.

Am seidenen Faden – Kletterabenteuer mit unfreiwilliger Nacht in den Wänden der Verdon Schlucht

Alex beginnt den Aufstieg mit der ersten Seillänge (5c/6). Ich folge und steige die Zweite vor (5c). Die dritte wieder Alex, eine wunderschöne Kletterei an vielen der typischen Tropflöcher und Leisten (6a). Die vierte Seillänge ist mir zu schwer (6b/7), also steigt Alex sie vor. Genauso wie die Fünfte, die noch ein gutes Stück schwerer ist (6c/8-) und mir auch beim Nachstieg Schwierigkeiten bereitet. Wir brauchen viel zu lange. Und die Route wird immer schwerer.

Wir haben uns verstiegen

Als uns klar wird, dass wir uns verstiegen haben verschwindet über uns die Sonne hinter der Wandkante. Es ist 18 Uhr. Weit über uns noch eine letzte Seilschaft. Wir rufen nach ihnen und fragen wo der Ausstieg der Gwendal sei. Ein gutes Stück rechts von uns! Wir sind an der Abzweigung vorbeigeklettert und haben nun eine 7b+/9- vor uns. Absolut nicht unser Niveau!

Am seidenen Faden – Klettern mit unfreiwilliger Nacht in den Wänden der Verdonschlucht

Alex versucht eine Variante über einen 6c+ Überhang hinaufzukommen, aber die Nerven liegen blank.

Ein seltsames Gefühl, so mitten in der Wand an einem Haken zu hängen. Oben kein Ausweg, und nach unten auch nicht. Da gähnt der schier bodenlose Abgrund. „Bloß keine Panik aufkommen lassen!“ Entsteht als ständig wiederkehrendes Mantra in meinem Kopf.

Chaotischer Rückzug

Wir überlegen und beschließen bis zur Gwendal abzuseilen. Wir hängen uns an unsere Bandschlingen, lösen die Knoten mit denen wir uns am Seil angeseilt haben und fädeln dieses zum Abseilen durch einen Haken. Alex seilt als Erster mit dem Achter ab… zu tief, am unteren Standplatz vorbei!

In mir steigt unhaltbare Angst auf. Wie er da so verletzlich über dem Abgrund pendelt. Er versucht sich wieder hochzuziehen. Doch ließe er das Seil mit der rechten Hand nur einmal los, würde nichts seinen Fall verhindern… Nicht daran Denken!!!

Das Lied vom Tod

Das Lied von Ludwig Hirsch schleicht sich in mein Hirn: „In deiner Sprache – das schöne Wörtchen Tod…“

Endlich sind wir beide unter der Gwendal angelangt, der geplanten Ausstiegsroute. Noch drei Seillängen in der Schwierigkeit 6b+/7+. Ich habe einen kleinen Tetrapack, 100 Milliliter Orangensaft, und einen Schokoriegel in meiner Hosentasche. Die teilen wir uns zur Stärkung, dann macht sich Alex an den Vorstieg. Doch kann er in der Dämmerung kaum noch die winzigen Griffe und Tritte erkennen. Auch sind die Hakenabstände riesig. Selbst in technischer Kletterei ist kein Vorwärtskommen. Er fällt ins Seil.

Unser Leben an einem einzigen Haken

Eine Weile hängen wir gemeinsam an einem einzigen Ringhaken in der stockdunklen Nacht. Es ist totenstill. Nur tief unter uns das leise Rauschen der Verdon. Kälte und Angst fressen sich in uns hoch. Langsam schmerzen nicht nur die Füße in den viel zu engen Kletterschuhen. Auch der Rücken meldet sich, und unsere Atmung fällt schwerer. Hier Stunden so unbeweglich im Klettergurt zu hängen macht keinen Sinn. Ich glaube sogar, ich würde einen Koller bekommen, mich losmachen und springen, nur um dieser schwindelerregenden Enge zu entgehen. Diese Gedanken erzähle ich Alex jedoch nicht.

Da geht der Mond auf und taucht die Wand in silbriges Licht.

Wir beschließen irgendwie zum Jardin des Écureuils zurückzukommen. Das Problem dabei ist, dass unsere Route ein steter schräger Quergang ist. Wir können also nicht einfach senkrecht nach unten abseilen, sondern müssen dabei ein gutes Stück nach Rechts, eine Mischung aus Abseilen und Klettern. Also sichere ich Alex zusätzlich dabei. Denn würde er hinauspendeln, hinge er unter den rundbauchigen Überhängen unter uns, ohne Kontakt zum Felsen.

Das Seil klemmt

Wir erreichen den nächsten Standplatz an einem Bäumchen. Doch nun die nächste Katastrophe: Das Seil hängt fest und lässt sich keinen Meter abziehen. Wir hatten oben an dem viel zu kleinen Ringhaken extra eine Schlinge mit einem unserer Karabiner zum Abseilen durchgefädelt.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, einer muss nochmal hoch. Alex, mein Held, klettert die 6a nochmals hinauf, während der Mond ihm gerade so viel Licht spendet um die Tritte und Griffe zu erahnen. Knapp unterhalb des nächsten Standes hat sich das Seil in einem Bäumchen verheddert.

Beim erneuten Querabseilen verklemmt sich das Seil noch etliche Male an Felsspalten oder an der spärlichen Botanik.

Nacht in der Felswand des Verdon

Wind kommt auf und fährt uns eiskalt unter unsere Sweatshirts und kurzen Hosen. Die Zeit rinnt dahin. Der Mond ist am Verschwinden. Gerade schaffen wir es bis zum Jardin des Ecureuils bevor es wieder stockdunkel wird. Wir finden eine kleine ebene Stelle, etwas geschützt am Felsen – es ist unglaubliche 1 Uhr 30!

Immerhin haben wir uns mit unserem chaotischen Rückzug in Bewegung gehalten. Wir kuscheln uns zusammen, machen jedoch jede Stunde Gymnastik um warm zu bleiben. Wir spüren unsere Finger und Zehen nicht mehr…

Und nach dieser schier endlosen Nacht wird es am Horizont doch wieder heller.

Es ist 6 Uhr 45. Wir machen uns warm und steigen in die nächstbeste Route mit vielen Haken ein. Alex steigt die 6a Seillängen vor, ich die 5c’s. Dann stehen wir oben wieder an der Touristenbalustrade und können unser Glück kaum fassen. Es ist 10 Uhr.

24 Stunden in der Wand.

Oben schauen uns Kletterer, gerade angekommen um ihr Abenteuer zu beginnen, erstaunt an. Langsam packen wir zusammen, lassen uns von der Sonne auftauen, und sind glücklich zu leben.

Am seidenen Faden – unfreiwillige Nacht in den Wänden der Verdonschlucht

Am Campingplatz laufen uns unsere Zeltnachbarn aufgeregt entgegen. Sie hätten sich Sorgen gemacht und dann Spätabends die Bergwacht alarmiert, weil wir nicht zurückgekommen wären. Doch da sie nicht gewusst hätten in welcher der über 500 Klettertouren wir stecken könnten, wollte man den Tag abwarten.

Wir gönnen uns ein üppiges Frühstück und fallen dann todmüde in unsere Schlafsäcke.

Fazit:

Nach dieser Nacht wussten wir, dass wir uns stets auf einander werden verlassen können. Da gab es trotz unserer bedrohlichen Lage, keine hysterischen Anfälle und Ausfälle, keine gegenseitigen Schuldzuweisungen oder Kritik. Nur gegenseitige Achtsamkeit und Rücksichtnahme. Nach diesem Erlebnis war es keine Frage mehr, dass wir bis… nunja, solange es unser Schicksal denn wollte, zusammenbleiben würden…

Alex und Ich galten seither als „das perfekte Paar“…doch auch perfekte Dinge können mit der Zeit ihre Macken bekommen. Immerhin hat das bei uns 23 Jahre gedauert!

Infos: Naturerlebnis Gorges du Verdon

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4 Replies to “Am seidenen Faden – unfreiwillige Nacht in den Wänden der Verdon Schlucht”

  1. Hallo, liebe Sabine, gerade konnte ich das Abenteuer in der Verdon-Schlucht lesen. Jetzt verstehe ich es erst vollkommen. Ihr habt großes technisches Können und einen Schutzengel gehabt. Wunderbar!!!!
    Herzlich, Dein Ludwig-Schwiegervater 20. Mai 2019

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